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DER GEIST DES KOMMUNISMUS UND SEIN SCHICKSAL

Der junge Hegel hatte in seiner erst 1907 veröffentlichten Schrift „Der Geist des Christentums und sein Schicksal“ den Weg des Niedergangs des Christentums von einer Religion der Liebe zur orthodoxen Verhärtung des Vatikanstaates nachgezeichnet und für diesen Verfallsprozess den Begriff „Positivität“ geprägt. Die Assoziation zum Niedergang des europäischen Kommunismus ist zu naheliegend, als dass man sie unter dem Diktat des historischen Materialismus ganz unterdrücken könnte, zumal ja Engels in seinem Artikel „Zur Geschichte des Urchristentums“ 1894 ausführte, dass das Christentum merkwürdige Berührungspunkte mit der modernen Arbeiterbewegung biete. Auch der Marx' sche Kommunismus war ja wie Jesus und seine Jünger zunächst eine Sekte, der Herrschaft und Unterdrückung fremd waren und die nach den Worten des jungen Friedrich Engels die Einheit der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst anstrebte (Vergleiche Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,505). Aber der Einfluss von Marx und Engels in der internationalen Arbeiterbewegung wuchs, 1864, sechzehn Jahre nach der 48er Revolution und dem Erscheinen des „Manifestes der Kommunistischen Partei“ gründete Marx die erste Internationale Arbeiterassoziation, die acht Jahre Bestand hatte. Der Marxismus setzte sich zwischen dem Ende der Kommune und dem Ausbruch der russischen Revolution von 1905 durch und lieferte die theoretische Grundlage einer Massenbewegung. Die sozialdemokratische Partei Deutschlands galt vor der Pariser Kommune durch ihre mustergültige ablehnende Haltung zum deutsch-französischen Krieg und nach dem Desaster dieser Kommune als die vorbildlichste Partei auf dem Kontinent, die Lenins Anerkennung fand. Im Zusammenhang mit dem ersten Weltkrieg versagte aber diese deutsche Elite der Sozialisten bis auf Liebknecht, Luxemburg und Mehring kläglich und Lenins Aprilthesen waren das vielleicht letzte Dokument eines genuin revolutionären Marxismus, dass schon so sehr außerhalb eines schablonenhaften Denkens der Sozialisten lag, dass sie den in den Thesen liegenden revolutionären Gehalt gar nicht mehr witterten. Lenin wollte im April 1917 die Revolution hier und jetzt, ein Ansinnen, das ihn leicht in die anarchistische Ecke bringen konnte. Auf der anderen Seite aber lässt sich gerade auf Lenin eine Organisationsbesessenheit und ein Kult der Disziplin zurückführen, die jeden anarchistischen Gedanken ausmerzen. In diesem Zusammenhang ist es äußerst wichtig, die Marksteine zu eruieren, die die Verwässerung der materialistischen dialektischen Methode anzeigen, die Engels 1886 als „unser bestes Arbeitsmittel und unsere stärkste Waffe“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,293) bezeichnet hatte. War schon Stalins Studie „Über dialektischen und historischen Materialismus“ kein Glanzstück, aber völlig korrekt; so kommt ihre dilettantische Handhabung in der Geheimrede Chruschtschows zum Vorschein. Eine friedliche Koexistenz zwischen Sozialismus und Kapitalismus und die Ersetzung der Diktatur des Proletariats durch einen Staat des ganzen Volkes zeigen allerdings die Verlotterung dialektischen Denkens ganz deutlich an. Ich will ein kleines, aber nicht unerhebliches Beispiel aus der DDR anführen. Marx' ens Kritik an Ludwig Feuerbach, dass dieser trotz seiner atheistischen Religionskritik eine doppelte Welt bestehen ließ, dass er in der irdischen Familie zwar das Geheimnis der himmlischen erkannte, aber erstere nicht auch der Kritik unterwarf, dass er nur Religionskritiker blieb und kein Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und kein Kämpfer gegen sie wurde, bekanntlich trat Feuerbach erst 1869 in die von Liebknecht und Bebel gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei ein, läuft für Marx auf die Forderung hinaus, die Familie praktisch zu vernichten (Vergleiche Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,6). Von bürgerlicher Familie und ihrer Ersetzung durch eine proletarische ist hier nicht die Rede. Die Kritik von Charles Fourier an der französischen Revolution, dass diese nicht auf die Vernichtung der Ehe zielte, lässt sich mühelos auch auf die russische Oktoberrevolution übertragen, obwohl es in den sowjetischen Fabrikstädten zum Bau von Einküchenhäusern kam, wie das auch beim zwischen 1927 bis 1930 gebauten Karl-Marx-Hof in Wien, dem „Versailles der Arbeiter“, der Fall war. 1972 erschien in der DDR im 'Verlag der Frau' ein Buch, das den Titel trug: „Marx Engels Lenin, Über die Frau und die Familie“. In der Einleitung breitet sich ein Joachim Müller aus, dass die Existenz der Familie ewig sei. (Vergleiche Marx Engels Lenin, Über die Frau und die Familie, Verlag für die Frau, Leipzig, 1980,10).  Zwischen den Seiten 144 und 145 ist ein Schwarzweißbild eingebunden, auf dem eine Frau, ein Mann und drei Kinder in lockerer Atmosphäre gezeigt werden. Unter dem Bild liest man: „Entspannung für die ganze Familie“. Wenn man eine erfolgreiche Revolution daran erkennt, dass sich die Formen der Beziehungen unter den Menschen geändert haben, so ist auf dem Bild davon nichts zu bemerken, Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es zwar Kommunen in Westberlin, nicht aber in Ostberlin. Im Gegenteil, für die SED-Spießer waren die Kommunen rote Tücher, es gab in der DDR Plattenbauten, aber keine Architekten, die Wohnungen explizit für eine kommunale Lebensweise von Kollektiven entwickelten. Durch die verhängnisvolle Vereinigung der KPD mit der SPD unter der „Schirmherrschaft“ von Tulpanow, wurde nur bestätigt, was Marx und Engels im Manifest über das deutsche Kleinbürgertum geschrieben hatte: Das Kleinbürgertum bildet die „eigentliche gesellschaftliche Grundlage der bestehenden Zustände“. Man sieht, wozu Revolutionen in der Geschichte für eine Zeitlang gut sind: In Russland konnte Lenin nach 1905, nach dem Februar und nach dem Oktober 1917 den kühnen Satz aussprechen, dass die Kommunisten nur ein Tropfen im Volksmeer seien, im klassischen Land der Konterrevolution hätte eine SED als ein Tropfen im Spießermeer keine Chance gehabt. Kurz vor dem Ende der Sowjetunion warnte Gorbatschow dann auf dem 1988 stattgefundenen XIX. Unionskonferenz  vor revolutionären Sprüngen. "Wir haben viel Zeit dafür aufwenden müssen, die Gesellschaft, in der wir leben, die Vergangenheit, in der viele heutige Erscheinungen wurzeln, die uns umgebende Welt und unsere Wechselbeziehungen zu ihr zu begreifen. All das mußte aufgefaßt werden, damit wir nicht in revolutionären Sprüngen verfahren, die außerordentlich gefährlich sind ..." (Rede Michail Gorbatschows bei der Schlußsitzung der Konferenz am 1. Juli 1988, in: XIX. Unionskonferenz der KPdSU, Dokumente und Materialien, APN-Verlag, Moskau, 1988,121). Der offizielle Marxismus war ganz Positivität geworden.

 


Heinz Ahlreip

20.12.15 09:29, kommentieren

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ANMERKUNGEN ZUM DEUTSCHEN FASCHISMUS

Die 'unsichtbare Hand' vom Adam Smith aus dem Jahr 1776 ist Ausdruck, dass der Produktionsprozess der menschlichen Hand entglitten ist, dass das Gesellschaftliche in der bürgerlichen Gesellschaft ohne Selbstbewusstsein ist und die Monade Mensch ihre Bestimmung als Gattungswesen verfehlen muss. In ihr hat nur eine hauchdünne Minderheit die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung in der Arbeit, nur ganz wenige haben einen Beruf, der schöpferische Selbstentfaltung zulässt. Der Arbeitsprozess wird in einer Kette von Zuweisungen versklavt. Der Arbeiter ist unter kapitalistischen Bedingungen ein aus seiner eigenen Achse gesprungener Mensch, für den im Arbeitsprozess keine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung besteht. Die fichtesche Bestimmung des Menschen liegt vielmehr darin, irgendein Zubehör zu irgendeiner Maschine in irgendeiner Fabrik zu sein. Die bürgerliche Gesellschaft bewegt sich in einem ihr einsitzenden Terrorzusammenhang, der ihre Charakterisierung als freiheitlich-demokratische von vornherein als deplatziert verurteilt. Gegen die Humanisten forderte Marx immer die Verkürzung des Arbeitstages, die eine Einschränkung des Fabrikdespotismus beinhaltete. Ein Despotismus,  den sein Schwiegersohn Paul Lafargue mit den Worten brandmarkte, " ... es wäre besser, man vergiftete die Brunnen, man säte die Pest, als inmitten einer ländlichen Bevölkerung kapitalistische Fabriken zu errichten" (Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit, Aus dem Französischen von Eduard Bernstein, Anaconda Verlag, Köln, 2015,22). Aus seinen eigenen Eingeweiden produziert der kapitalistische Produktionsprozess fortwährend Menschen ohne Selbstbewusstsein, verstümmelte Menschen, die allen möglichen religiösen und politischen Demagogen in die Hände fallen, um sich unter deren Hierarchien kauernd zur zweiten, ideellen Versklavung niederzulassen. Die Illusion des Sozialliberalismus bestand darin, den wilden Kapitalismus durch Demokratie zähmen zu können, als ob es so etwas wie einen demokratischen Kapitalismus geben könne. Wer von der Möglichkeit der Politik faselt, sie könne den Arbeitsprozess per Gesetz demokratisch gestalten, gehört ganz einfach eingefangen und unter die Kängurus Australiens ausgesetzt. Wie kann man denn in einer wirtschaftlich despotisch angelegten Gesellschaft die Worte Republik und Demokratie überhaupt affirmativ in den Mund nehmen ? Eine Basis von Lohnsklaven kann in der Regel keinen Überbau von Republikanern und Demokraten produzieren, aber ihr Extrem: Kommunisten. Und deren Gegenpart: Faschisten.

Unter dieser spezifischen Schizophrenie der bürgerlichen Gesellschaft liegt, bedingt durch die doppelte Versklavung, die Latenz des Faschismus, in dem insofern eine Pseudoidentität hergestellt wird, als die Lohnsklaven die demokratische Heuchelei abwerfen und ausrufen: Wir wollen gar keine Republikaner und Demokraten sein. Das von Carlyle in seinen späten Schriften „Past and Present“ (1843) und „History of Friedrich II. of Prussia (1858) antizipierte 'Führer befiehl, wir folgen Dir' ist nur die Verlängerung der Fabriktyrannei ins allgemein Politische. Das aber ist die Volksgemeinschaft, in der sich sowohl die Lohnsklaven als auch die Kapitalisten unter Ausschaltung des Mehrparteiensystems in einer autoritären Identität vereinen und in der die Dialektik von Lohnarbeit und Kapital aufgehoben zu sein scheint. Die fixe Konstellation von Befehl und Gehorsam ist verinnerlicht worden und wird nicht mehr in Frage gestellt, die perverseste Form der Sklaverei wird von den faschistischen Ideologen und vom Spießer als „Gesetz und Ordnung“ hochgehalten. Die Ideologen einer bürgerlichen Republik verfahren im Unterjubeln einer Volksgemeinschaft raffinierter, indem sie die Wirklichkeit der kapitalistischen Produktion verkehrt, ja schizophren widerspiegeln im Rollentausch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Arbeiter ist nicht der Empfänger der Arbeit, die der Kapitalist ihm gibt. Das ist einer der roten Sterne, die trotz des Zusammenbruches der DDR der Arbeiterklasse voran leuchten, die marxistische Gesellschaftswissenschaft kann nicht mehr zurück und der kapitalistischen Ausbeutung irgendeinen humanistischen Kern bescheinigen, im Gegenteil, immer wird diese die Ausbeutung in ihrem Kern offenlegen und auf die Verbindung mit den Bedürfnissen der arbeitenden Massen hinarbeiten. Der Kommunismus ist nicht tot. Immer wieder muss es zur Frontbildung im Klassenkampf kommen, zu einem neuen Ansturm auf die kapitalistische Bastion, die fallen wird durch den Blitz, der aus der zündenden Vereinigung von Wissenschaft und Arbeiterbewegung welterschütternd einschlägt. Es war deshalb keineswegs eine intellektuelle Entgleisung, als der weißgardistische Bürgerkriegsgeneral Horst Herold zwei Jahre nach der Auflösung der RAF im Mai 2000 zu der Einsicht kam, dass das Scheitern des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seinem Entstehen geführt hätten (Vergleiche Horst Herold, Die Lehren aus dem Terror, Süddeutsche Zeitung Nr. 116, 30./31. Mai 2000, 9). In der naiven, darum perversen Malerei des Faschismus findet der Sklave sich als Sklave ab, aber als mit sich identisch, sich aufhebend über einen Dritten, ohne zersetzenden Schmerz über das Sklavendasein in seinem Innersten. Im Personenkult findet die Bestätigung dieser künstlichen Identität statt, in der das Sklavenbewusstsein über einen Dritten, über einen messianischen Mittler ausgelöscht ist. Die Affinität des Faschismus zur Religion liegt hier auf der Hand, deutlich wurde dies auf dem Nürnberger Reichsparteitag von 1936, der unter dem Motto “Ehre und Frieden” stand. “So kommt ihr aus euren kleinen Dörfern, aus euren Marktflecken, aus euren Städten, aus Gruben und Fabriken, vom Pflug hinweg an einem Tag in diese Stadt. Ihr kommt, um aus der kleinen Umwelt eures täglichen Lebenskampfes…einmal das Gefühl zu bekommen: Nun sind wir beisammen, sind bei ihm und er bei uns, und wir sind jetzt Deutschland !” Wir sind bei ihm und er bei uns – der Kreis schließt sich: der Messias wird eins mit seiner Gemeinde. J.P. Stern hat in seiner Studie über Hitler darauf aufmerksam gemacht, dass die Sehnsucht nach dem metaphysischen Absoluten ein deutsch-lutherisches Phänomen ist. Wenn Rudolf Hess auf einem Parteitag der NSDAP ausrief: Hitler ist Deutschland wie Deutschland Hitler ist, so weist dieser Satz genau auf die künstliche Identität hin, die naive Malerei „auszeichnet“. Es ist nun ein Leichtes für die Totalitarismustheoretiker, auf die Identität des sowjetischen und nationalsozialistischen Personenkultes hinzuweisen, auf Stalins Satz, bei uns im Lande Lenins kann es nur eine Partei geben, die Partei Lenins; aber sie verfahren nur einseitig, nach ihnen hätte es die Jahrhundertschlacht von Stalingrad, mit der die Schwangerschaft der DDR begann, nicht geben können - als Kampf der Gegensätze im Jahrhundert der Extreme. Diese auf den englischen Marxisten Eric Hobsbawm zurückgehende Charakterisierung, die er fünf Jahre vor dessen Ende vorgenommen hatte, ist insofern sehr treffend, nicht nur, weil sich das 20. Jahrhundert in vielem bei geringen Kontinuitätslinien gegen das 19. Jahrhundert kehrt, sondern weil das Jahr 1900 genau den Zeitpunkt des Umschlags, des Beginns des imperialistischen Zeitalters des Kapitalismus anzeigt. Man könnte so die Charakterisierung von Hobsbawm auch leicht variieren: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der extremen Dekadenz. Der Ausbruch der französischen Revolution und der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution geborenen Sowjetunion umfasst einen Zeitraum von zwei hundert Jahren; es ist, als schlösse sich ein Kreis. Denn das Jahrhundert der Extreme war auch ein Jahrhundert extremer Kriege. Der erste war der Geburtshelfer der tiefsten Revolution in der Geschichte der Menschheit, die wie keine andere die Formen der gesellschaftlichen Beziehungen unter den Menschen in nur wenigen Monaten regelrecht durcheinandergewirbelt hatte. Der zaristische Doppeladler wurde eingezogen, die Trikolore, die rote Fahne wurde gehisst.

 


Heinz Ahlreip

20.12.15 09:24, kommentieren