Letztes Feedback

Meta





 

PHILIOSPHIE MEDIZIN STERBEHILFE

Immanuel Kant hatte als erster den zukünftigen völligen Untergang unseres Universums in seiner Nebulartheorie dargelegt und Friedrich Engels würdigte ihn diesbezüglich als bahnbrechenden Denker. Leibniz hatte in seiner Monadologie noch die Unzerstörbarkeit des Universums, der besten aller Welten, mit einer waghalsigen metaphysischen Argumentation zu begründen versucht. Zur Vollkommenheit Gottes passe eine Tendenz zur Selbstzerstörung nicht.1888 wies Engels in seiner Rezension von Starckes Buch über Ludwig Feuerbach auf den Stand der Naturwissenschaft hin, nach dem der Bewohnbarkeit der Erde ein ziemlich sicheres Ende vorausgesagt wird. In der Kubakrise 1962 war die Menschheit nahe dran, einen Teil dieses Universums zu vernichten. Kants Entdeckung in seiner Dissertation „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ kann auch den Selbstmord des Menschen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Der Selbstmordattentäter, der ja die klassische Lehre, nach der es im Krieg darauf ankommt, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten, zur Hälfte auf den Kopf stellt, sogar mehr, wenn er unschuldige Zivilisten, die nicht der Feind sind, mit in seinen Tod reißt, wäre heute der höchste Ausdruck des Soldatseins. Er verliefe synchron vorwegnehmend mit der Selbstvernichtung unseres Universums, durch die alles gleichgültig und unser aller Leben entwertet wird, das blödsinnigerweise auf Anerkennung statt auf Lustgewinn ausgerichtet war und ist. Die Selbstvernichtung des Universums schlösse die Vernichtung einer ihr Leben verpfuscht habenden  Menschheit ein. Für Kant aber stimmt der Selbstmord des Menschen nicht mit dem kategorischen Imperativ überein, denn der Selbstmörder würdigt sich zu einem bloßen Mittel zur Erlangung einer Glückseligkeit (Befreiung von der Last des Lebens) herab. Der Nihilismus des Universums, der alles zum Mittel degradiert, und der kategorische Imperativ, der alles zum Zweck erhebt, werden immer ein merkwürdiger Widerspruch in der Philosophie Kants bleiben.

Friedrich Engels pflichtete Kant bei, dass unser ganzes Sonnensystem eines Tages verschwunden sein wird. Alles wird relativiert, ja seiner Substanz beraubt, selbst der Begriff des Fortschritts verkommt zu einer leeren Worthülse. Condorcet sah die menschliche Vernunft noch auf ihrem Weg zur Vervollkommnung über ein zehnstufiges Entwicklungsmodell, er huldigte "une idole d' échelle". Aber was, wenn die Leiter am Ende selbst zerbricht ? Irrt dann der Mensch, solange er strebt ? Wenn alle Erfindungen der Menschen letztendlich keinen Zweck erfüllen können ? Engels tat die Idee der von bürgerlichen Aufklärer vertretenen ständigen Vervollkommnungsfähigkeit des menschlichen Geschlechts (Perfectibilité als "Gerede" ab.  Ist die Frage noch wert, untersucht zu werden, ob die beiden Höhepunkte der Weltphilosophie, die antike und die klassische deutsche, synchron gehen mit den  Höhepunkten des Humanismus ?Ja eine wissenschaftliche Disziplin wie die Medizin, die auf den ersten Blick den Anspruch und die Aufgabe hat, das menschliche und tierische Leben zu erhalten und Leiden zu lindern und zu beenden,  wäre in Frage gestellt. Dr. Stefan Sahm, Chefarzt am Offenbacher Ketteler-Krankenhaus und Ethiklehrer an der Universität Frankfurt am Main, hat sich zum Thema Sterbehilfe durch einen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" festgelegt: "Es ist die Grundlage eines jeden Gemeinwesens, jeglicher staatlichen Gemeinschaft und letztlich der durch unverbrüchliche Rechte verbundenen Menschheitsfamilie, dass die Existenz eines jeden Mitgliedes der Gemeinschaft seiner Nichtexistenz vorzuziehen ist. Diese Regel gilt ausnahmslos. Grundlage der Menschenrechte ist eine Präferenz für das Leben. Was abstrakt anmutet, ist auch der Alltagsintuition zugänglich. Daher sind Handlungen, die auf die Unterstützung eines Suizids gerichtet sind, verwerflich und ein unmoralisches Angebot" (Stephan Sahm, Ein unmoralisches Angebot, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. November 2015,8). Dass die Existenz der Nichtexistenz vorzuziehen ist, ist eine assertorische Aussage, denn wir wissen heute, dass das Universum letztendlich die Nichtexistenz der Existenz vorzieht, unterlassene Sterbehilfe könnte von daher auch als widernatürlich (ergo pervers) gedeutet werden. Adolf Hitler gab in einem seiner letzten Befehl, in dem sogenannten Nerobefehl, Albert Speer den Auftrag, alle ökonomischen Grundlagen und Infrastrukturen in Deutschland radikal zu vernichten, damit das deutsche Volk aus der Weltgeschichte ausgelöscht werde. Mao Tse Tung sah einer thermonuklearen Weltkatatsrophe mit einer stoischen Gelassenheit entgegen, einige Chinesen werden es sein, die sie überleben, um dann den Sozialismus-Kommunismus aufzubauen.

Epikur, ein Philosoph der Freude und der Weltbejahung, wollte der Menschheit die Angst vor dem Tod nehmen, er scheint mir von allen antiken Philosophen der wahre Inspirator der Renaissance und ihrem Ideal des allseits gebildeten Menschen zu sein, wie ihn in der Antike Aristoteles, in der Neuzeit Leibniz und Hegel verkörperten. Nur in der besten aller Welten kann auch das absolute Wissen statthaben, ein Agnostiker kann ein Buch nicht mit einem Kapitel über das absolute Wissen beenden. Im Marxismus lacht uns die Materie an, er ist die höchstentwickelte Materie, in der ihr Untergang beginnt. Der Marxismus ist heute in der Zeit, in ihrer Endphase. Für Engels war ein kommender Wendepunkt in der Geschichte wissenschaftlich ausgemacht, "von wo an es mit der Geschichte der Gesellschaft abwärtsgeht" (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,268). Harich sah ihn bereits in der globalen Ökokrise und plädierte für einen Kommunismus ohne Wachstum. Es war nach Friedrich Engels der utopische Sozialist Charles Fourier, der mit einer Hegel ebenbürtigen Dialektik hervorhob, dass jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast habe (Vergleiche Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschft, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975, 424). Der absteigende Ast wird das "Duell" gewinnen.

Für Heraklit waren in aristokratischer Überheblichkeit die meisten Menschen anwesend-abwesend - und das ist auch ganz gut so, auch wenn Heraklit unterschlägt, dass in präsozialistischen Klassengesellschaften  nur die wenigsten Menschen Zugang zu Kultur und Bildung haben und deshalb die Mehrheit anwesend-abwesend ist. Was bürgerliche Ideologen als Bildungsgesellschaft bezeichnen, ist heute in Wirklichkeit das Abrichten für die Verwertung des Kapitals. Die meisten Menschen wissen ebenso nichts über das zukünftige Schicksal unseres Universums wie über die Tatsache, dass Marx, Shakespeares Gedicht "Timaios" interpretierend, das Geld als "allgemeine Hure" bezeichnete und leben geistig abwesend und borniert in den Tag hinein auf der Jagd nach der "allgemeinen Hure". Hegel sprach von dieser tiefen Wunde des menschlichen Daseins als von dem "Ekel des Alltäglichen". Wahrscheinlich ließe sich ein Leben mit der ständigen Präsenz des absoluten Nichts und dem ständigen Kontakt mit einer Hure nicht durchhalten. Sinnlosigkeit ist das Insich-Einsinken der Kommunikation, in dem der allseitig gebildete Mensch verkümmern würde. Sensible Menschen, die dieses von Beckett auf die Bühne gebrachte Grauen irgendwie vernehmen, können zur Droge getrieben werden, um sich im Rausch unbewusst dem Nichts einzustellen. Der Misere der Klassenkampfgeschichte ist es geschuldet, dass dem Humanismus Gegenwart versagt wird, dass er nur perspektivisch auf zukünftiges Glück heute konzipierbar zu sein scheint. Auch der Kommunismus als vollendeter Humanismus und Naturalismus wäre in der totalen Depression seiner Substanz beraubt. Lenin schrieb in seinem Fundamentalwerk "Staat und Revolution", dass es keinem Sozialisten je eingefallen ist, zuzusichern, dass die höhere Phase des Kommunismus jemals eintreten wird. Und doch setzen heute Menschen ihr Leben für den Sieg des Kommunismus ein, für einen Zustand, in dem, nach den Worten Auguste Blanquis "kein einziger Mensch mehr der Narr eines anderen sein wird" (Louis-Auguste Blanqui, Der Kommunismus, die Zukunft der Gesellschaft, in: Louis-Auguste Blanqui, Schriften zur Revolution, Nationalökonomie und Sozialkritik, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1971,126).

 


Heinz Ahlreip

20.12.15 09:17

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen